Agrarwende Jetzt!

Unter diesem Motto hatte der Kreisverband Aschaffenburg-Land von Bündnis90/Die Grünen die bayerische Landesvorsitzende Sigi Hagl eingeladen.

Die KV-Sprecher*innen Barbara Hofmann und Volker Goll machten gleich zu Beginn deutlich, dass sie mit dieser Veranstaltung eine brisante Diskussion in Kleinostheim aufnehmen wollten. Alle Seiten sollten an einen Tisch kommen, damit man erst mal miteinander redet und auch die Sicht und Zwänge des jeweils anderen versteht.

Andreas Schmitt von den Kleinostheimer Grünen berichtete zunächst von den beobachtbaren Veränderungen in Kleinostheim durch eine intensivierte Landwirtschaft und den Einsatz von Glyphosat. Neben dem Beseitigen von Obstbäumen wurden auch Trockenlegungen von Schilfgebieten genannt. Die dort lebende Kiebitz-Kolonie wurde ausgerottet.

Die Hauptreferentin des Abends, Sigi Hagl, erläuterte zu Anfang die politischen Rahmenbedingungen. Hauptursachen für das massive Artensterben sind der maßlose Flächenverbrauch und der immense Einsatz von Glyphosat und anderen Pflanzen- und Insektengiften in der Intensiv-Landwirtschaft. Glyphosat gehört endlich verboten. Nach der skandalösen Wiederzulassung des weltweit am meisten eingesetzten Ackergiftes auf europäischer Ebene, fordert Hagl jetzt ein Verbot auf nationaler Ebene.

Die Landwirtschaft steckt in einer Krise, weil eine verfehlte Agrarpolitik auf die Bedienung des Weltmarktes mit Billig-Rohstoffen setzt. Viele Landwirte müssten ökonomisch unter so einem Druck arbeiten, dass sie auf Masse setzen müssen. Derzeit gehen 80% der europäischen Agrarfördergelder an 20% der größten Betriebe. Ziel müsse es aber sein, die Umweltleistungen der Landwirte, wie den Schutz der Artenvielfalt, Tierschutz und Klimaschutz zu honorieren, anstatt den bloßen Flächenbesitz. Nur so könne das industrielle Wachstum gestoppt werden. „5,5 Mrd. Euro europäischer Agrarsubventionen suchen derzeit nach einer neuen Legitimation“, so die Landesvorsitzende der Bayerischen Grünen, „denn die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft mit immer größeren Ställen und immer mehr Gifteinsatz auf den Feldern, ist gesellschaftlich nicht mehr vermittelbar.“ Auch in Bayern ist eine Tendenz zu Großbetrieben erkennbar, verbunden mit einem Sterben kleinerer Bauernhöfe. Diese Kleinstrukturen gelte es jedoch zu erhalten.

Das Gebiet für den ausgewählten Standort des Bullenmaststalls, das Sigi Hagl vor der Veranstaltung zusammen mit Vertretern der Bürgerinitiative „Lebenswertes Kleinostheim“ aufgesucht hatte, sei ein hochsensibler Bereich, eine „schöne Ecke“ mit viel Freizeitnutzung u.a. durch den vorbeiführenden Radweg und nahegelegene Wanderwege, aber eben auch wegen der angrenzenden Wohnbebauung. „Ein Stall mit 480 Bullen ist überdimensioniert und an der Stelle unverträglich.“ Zwar habe der Landwirt die nötige Fläche zum Ausbringen des Mists und Anbau des Futters, auch sei der Stall aufgrund der bestehenden Rechtslage wohl kaum zu verhindern, so die Landshuter Stadträtin, dass er an diesem Ort auf Ablehnung der Bevölkerung stößt, sei jedoch sehr verständlich. Es brauche dringend wieder mehr Wertschätzung für die Lebensmittelproduktion und für die Landwirte. Das könne nur gelingen, wenn Landwirtschaft auch auf gesellschaftliche Belange Rücksicht nehme. Es wäre zu wünschen, wenn beide Seiten hier auf einander zugingen.

Die Grünen auf Bundesebene setzen sich dafür ein, dass die Privilegierung von Bauvorhaben bei landwirtschaftlichen Betrieben einer Prüfung unterzogen werde.

Dem Vortrag von Sigi Hagl schloss sich eine ebenso inhaltsreiche wie kontroverse Diskussion über die Art der Landwirtschaft an. Die Vertreterinnen der Bürgerinitiative betonten die besonderen Belastungen durch Geruch und Lärm. Die anwesenden Landwirte und Vertreter des Bauernverbandes warben für mehr Verständnis für die schwierige Situation der Landwirte. Die öffentliche Diskreditierung bringe niemanden etwas und führe letztlich nur dazu, dass immer mehr Bauern diese für die Gesellschaft wichtige Tätigkeit aufgeben würden.

Auch wenn die Aussprache leidenschaftlich und kontrovers geführt wurde, betonte KV-Sprecher Volker Goll, „dass dies hier und heute ja eine der seltenen Situationen ist, in denen alle Konfliktpartner zusammen in einem Raum sind und miteinander reden.“ Das sei stets der Anfang von Veränderung und dem übereinander Reden mittels diverser Medien stets vorzuziehen! Diese Einordnung fand große Zustimmung unter den ca. 50 Besucher*innen und beinhaltet auch die Hoffnung, dass man sich vor Ort weiter zusammen setzt, um womöglich doch noch gemeinsam eine Lösung zu finden.